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Internationaler Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung am 6. Februar

Anlässlich des „Internationalen Tages gegen weibliche Genitalverstümmelung“ am 06.02.2021 haben wir in den letzten Tagen einige Presseanfragen bekommen, berichtet uns Dr. Cornelia Strunz vom Desert Flower Center im Krankenhaus Waldfriede in Berlin.

Unter anderem haben wir am 02.02.2021 ein Team vom ZDF zu Besuch im Waldfriede gehabt.

Am Freitag den 05.02.2021 wird der Beitrag im ZDF „Mittagsmagazin“ von 13-14 Uhr kommen.

Und je nach weltpolitischen Ereignissen auch am Samstag den 06.02.2021 um 19 Uhr im ZDF bei „heute“. 

 

Dagmar Dorn, Leiterin Abteilung Frauen der EUD, hat mit ihrem Kollegen Corrado Cozzi dieses Interview mit Dr. Cornelia Strunz (Desert Flower Center Berlin) geführt:

Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Maßnahmen, um das Ziel (Null-Toleranz) dieses Tages zu erreichen? Abgesehen von der professionellen Hilfe, die Sie geben, was können wir als Einzelne tun, um FGM zu beenden?

Die wichtigste Maßnahme im Kampf gegen FGM ist die breite Aufklärung und die Schulausbildung der Kinder vor Ort in den Heimatländern.

Generell sollte die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisiert werden, es sollten Angebote zu FGM interdisziplinär gebündelt und weiterentwickelt werden und Fachkompetenzen gestärkt werden. So haben wir im Jahr 2020 die „Berliner Koordinierungsstelle FGM_C“ gegründet. Dabei handelt es sich um eine Zusammenarbeit von drei Trägern: Familienplanungszentrum BALANCE, Terre des Femmes und das Desert Flower Center im Krankenhaus Waldfriede. Ziel der Koordinierungsstelle ist es, die bestehenden Angebote in Berlin zu verknüpfen und bedarfsgerecht auszubauen, Fachkräfte im Umgang mit dem Thema zu schulen sowie Aktivitäten zur Aufklärung in den Communities zu stärken.

Im Sinne einer ganzheitlichen Unterstützung bietet die Koordinierungsstelle neben medizinischer Beratung und Behandlung auch psychologische Begleitung und psychosoziale Gruppenangebote für Betroffene an.

Dazu setzt die Koordinierungsstelle den Fokus auf die Sensibilisierung von Fachkräften und befähigt sie im Umgang mit Betroffenen. Eine Hotline bietet zudem die erste Anlaufstelle und Beratung für Betroffene und Fachkräfte und ermöglicht eine einfache und niedrigschwellige Vermittlung.

Da wir viele Anfragen bezüglich einer Hospitation im Desert Flower Center erhalten, bieten wir seit 2018 zweimal im Jahr ein FGM-Intensivseminar für Kolleginnen und Kollegen, Hebammen und Pflegeberufe an.

Können Sie uns kurz erklären, was das Anliegen des Desert Flower Centers ist?

Das Projekt „Desert Flower Center“ Waldfriede (DFC) ist aus klinischer Notwendigkeit entstanden, da auch in Deutschland zahlreiche Frauen an den gesundheitlichen und psychischen Folgen der Genitalverstümmelung leiden. Die Verwirklichung des Projekts erfolgte in Zusammenarbeit mit der Desert Flower Foundation unter der Schirmherrschaft von Waris Dirie und ihrem Manager Walter Lutschinger im Dezember 2011, da ihr klar wurde, dass eine rein präventive Arbeit den Bedürfnissen der Betroffenen nicht gerecht wurde.  Unser Ziel ist es, Frauen, die an den Folgen einer Genitalverstümmelung leiden, eine ganzheitliche medizinische Versorgung anzubieten. Dazu gehören nicht nur operative Eingriffe und Wiederherstellungsoperationen, sondern auch psychische und physiotherapeutische Hilfe. Außerdem bieten wir eine Selbsthilfegruppe an, die sich einmal im Monat im Krankenhaus Waldfriede trifft.

Was motiviert Sie, in diesem sensiblen Bereich zu arbeiten?

Als ärztliche Koordinatorin und Oberärztin des Desert Flower Center Waldfriede bin ich die erste Person, mit der die Frauen mittels Telefon oder E-Mail in Kontakt treten. Alleine die Tatsache, dass diese oft sehr emotionalen Vorgespräche und die ärztliche Untersuchung in einer vertrauensvollen Umgebung von Frau zu Frau stattfinden, erleichtert es den Frauen sich mir gegenüber zu öffnen. Im Beratungsgespräch wird auf die vorgetragenen Probleme individuell eingegangen. Nicht immer geht es um eine Operation. Einige wollen ein Gespräch mit unserer Psychotherapeutin oder die Anbindung an unsere Selbsthilfegruppe. Andere brauchen ein ärztliches Attest für ihr laufendes Asylverfahren. Es ist wichtig, sich Zeit für eine ausführliche Anamnese und Untersuchung zu nehmen und auf die Bedürfnisse der Patientinnen einzugehen und damit deren Ängste zu schmälern und ihre Sorgen aufzufangen.

Als Fachärztin in unserer Abteilung habe ich mit großem Dank die Arbeit im “Desert Flower Center“ Waldfriede aufgenommen. Ich empfinde diese fachliche Spezialisierung als eine sehr ehrenwerte Arbeit. Die vielen positiven Rückmeldungen bestärken mich in unserer so wichtigen Arbeit.

Sie arbeiten seit der Gründung des Desert Flower Centers im Jahr 2013 in diesem Bereich. Was sind die wichtigsten Entwicklungen?

Seit der Eröffnung im September 2013 haben mehr als 600 Frauen unsere medizinische Hilfe in Anspruch genommen. Bei der Hälfte von ihnen wurde ein operativer Eingriff notwendig.

Auch für die finanzielle Regelung von problematischen Fällen ist inzwischen eine stabile Lösung gefunden. Eine Operation kostet um die 2000 bis 4000 Euro. Bei gesetzlich Versicherten werden die Kosten von der Krankenkasse übernommen. Da wir aber auch Nicht- Versicherte behandeln wollen, haben wir den Förderverein Waldfriede e.V gegründet. Der aus Spenden finanzierte Förderverein unterstützt oder übernimmt in diesen Fällen die Kosten.

Seit Januar 2015 bieten wir einmal monatlich eine Selbsthilfegruppe an. Zu den Treffen kommen sowohl Frauen, die bereits von uns behandelt wurden, als auch jene, die noch Hilfe suchen. In einem geschützten Rahmen können sich die Frauen austauschen, und sie erfahren, dass sie mit ihren Ängsten und Sorgen nicht allein sind. Teilweise reden betroffene Frauen über ihr Schicksal, oder bereits rückoperierte Frauen erzählen von ihren Erfahrungen.

Ein wesentliches Problem stellte anfänglich die interkulturelle Wahrnehmung und Kommunikation dar. Wir sind sehr froh, inzwischen neben ehrenamtlichen Begleiterinnen auch zwei angestellte Beraterinnen/Dolmetscherinnen zu haben, die es uns und den Frauen ermöglichen, diese non-verbalen Hürden zu meistern. Mit Evelyn Brenda (geb. in Kenia) und Farhia Mohamed (geb. in Somalia) haben wir zwei Therapeutinnen im Team, die sowohl in Deutsch als auch in ihren jeweiligen Muttersprachen psychotherapeutisch arbeiten können.

Alle Frauen berichten uns, wie wertvoll diese Gemeinschaft in der Selbsthilfegruppe für sie ist, da sie hier oft erstmals in ihrem Leben in einem geschützten Rahmen unter Gleichgesinnten über ihre Sorgen und Erfahrungen sprechen können. Bei diesen Treffen stellen wir immer wieder fest, dass die Arbeit mit den Frauen doch weitaus mehr ist als nur ein „Job“.

Wenn die Frauen zusammenkommen, herrscht immer eine sehr herzliche Atmosphäre. Wir nennen uns alle beim Vornamen, und besonders die bereits behandelten Frauen strotzen vor

Selbstbewusstsein. In diesen Momenten merken wir, wie sehr uns diese Aufgabe erfüllt und was das Team im Desert Flower Center Waldfriede leistet. Hier wird Frauen sprichwörtlich ihr Leben zurückgegeben.

Im April 2016 wurde uns die Louise-Schroeder-Medaille verliehen. Es ist die höchste Auszeichnung des Landes Berlin.

Die Medaille wird seit 1998 an eine Persönlichkeit oder Institution verliehen, die dem politischen und persönlichen Vermächtnis Louise Schroeders in hervorragender Weise Rechnung trägt und sich in besonderer Weise Verdienste um Demokratie, Frieden, soziale Gerechtigkeit und die Gleichstellung von Frauen und Männern erworben hat.

Im Oktober 2020 haben wir das erste deutschsprachige Fachbuch über FGM publiziert (Herausgeber sind Dr. Uwe von Fritschen/ Dr. Cornelia Strunz/ Dr. Roland Scherer). Unser Ziel war es, unsere Erfahrungen mit diesem komplexen Thema zu teilen und Hilfestellungen für alle Professionen zu geben, die bei der Bewältigung der vielschichtigen Probleme beschnittener Frauen helfen können. Da die Anzahl der Frauen mit Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation, FGM) infolge von Migration und Globalisierung auch in Deutschland zunimmt, werden viele Berufsgruppen hiermit konfrontiert, ohne bisher eine Ausbildung erhalten zu haben.

Am 19. Oktober 2020 kam die erste Ausgabe des neuen Desert Flower Magazins heraus, welches von der Desert Flower Foundation/ Waris Dirie gestaltet wurde. Mit dem Magazin liefern wir einen detaillierten Überblick über die Arbeit, Projekte und Erfolge von Waris Dirie und ihrer Desert Flower Foundation im weltweiten Kampf gegen das unmenschliche Ritual der weiblichen Genitalverstümmelung (englisch Female Genital Mutilation, kurz FGM)

Buchempfehlung:
"Female Genital Mutilation Medizinische Beratung und Therapie Genitalverstümmelter Mädchen und Frauen"
 Autoren: Uwe von Fritschen, Cornela Strunz und Roland Scherer

APD-Agenturmeldung 36/2021: Internationaler Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung am 6. Februar

Das Desert Flower MAGAZIN gibt es in deutscher, englischer und französischer Sprache.

Link zur deutschen Ausgabe

https://www.yumpu.com/de/document/read/64608181/desert-flower-magazin

Link zur englischen Ausgabe

https://www.yumpu.com/en/document/view/65173882/desert-flower-magazine

Link zur französischen Ausgabe

https://www.yumpu.com/fr/document/view/65176146/fleur-du-desert-magazine

Neben unserer Tätigkeit in Berlin wollen wir aber auch in den Heimatländern mit Präventionsmaßnahmen und Aufklärungsarbeit gegen die weibliche Genitalverstümmelung vorgehen. Daher unterstützt das Krankenhaus Waldfriede zwei Mädchenschulen in Kajiado, Kenia.

Das Krankenhaus Waldfriede kooperiert auch mit dem Gynocare Women’s & Fistula Hospital, in Eldoret, Kenia. Hier werden unter anderem Frauen wegen Harn- und Stuhlinkontinenz aufgrund ihrer Genitalbeschneidung operiert. Der Spezialist in dieser Operationstechnik ist Dr. Hillary Mabeya.

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